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Wie gut sind die Vereine für den Ligaendspurt gerüstet?

Kaum hat die Bundesliga den zweiten Geisterspieltag ohne Zwischenfälle hinter sich gebracht, geht es Schlag auf Schlag weiter. Bereits am Dienstag startet die Liga mit dem “Klassiker” Borussia Dortmund gegen den FC Bayern München in die erste Englische Geisterwoche. In den kommenden 32 Tagen stehen für die Bundesligisten 7 reguläre Spiele auf dem Programm. Für einige kommen noch Nachholspiele oder Pokalspiele dazu, während der Europapokal wohl noch länger pausiert.

Nicht nur vor dem Hintergrund der Coronaeinschränkungen ist das ein ambitioniertes Programm. Ein Pensum, für das nicht alle Vereine gleich gut gerüstet sind, wie die folgende Analyse zeigt. Ich schaue auf vier Kriterien, um die Teams zu vergleichen: Zwei Kriterien zu Potential und Kapazität, die im Spielerkader steckt sowie zwei Kriterien, die die Erfahrung und den bisherigen Umgang mit Englischen Wochen bewerten.

1. Starke Schultern

Ich beginne mit einem Blick auf die Starspieler im Kader. Die Idee ist einfach: Wer mehr gute Spieler hat, der ist im Vorteil. Vor allem wenn er mehr als 11 gute Spieler hat. Für das Kriterium definiere ich alle Spieler mit einem Marktwert (Quelle: Transfermarkt) von mindestens 10 Millionen Euro als Starspieler.

Stärken des Kriteriums: Der Zusammenhang zwischen Marktwerten und sportlicher Performance ist hinlänglich erwiesen und ein robuster Indikator für Talent.

Schwächen des Kriteriums: Der Cut bei 10 Millionen ist natürlich willkürlich. Einige Talente oder sehr erfahrene Spieler könnten am Cut scheitern, obwohl sie nicht weniger Leistung bringen als die wertvollen Spieler.

Beispiel: Beim FC Bayern schaffen Javi Martínez (13 Mio.) und Jérôme Boateng (12 Mio.) den Sprung in die Liste, während Michael Cuisance (8 Mio.) der erste Spieler ist, der den Cut nicht schafft. Ein plausibles Ergebnis. Cuisance ist wahrscheinlich nicht der Spieler, der für den FC Bayern die Saison rettet, wenn es hart auf hart käme.

Bundesliga: Anzahl der Spieler mit einem Marktwert über 10 Mio. Euro je Team

Ergebnis: Ein überraschendes Ergebnis? RB Leipzig ist am besten gerüstet, sogar vor dem Branchenprimus aus München. Im Kampf um die Champions-League-Plätze dürfte Leipzig davon profitieren, dass Nagelsmann aus dem Vollem schöpfen kann, anders als etwa Marco Rose in Mönchengladbach.

2. Kaderbalance

Neben der Leistungsfähigkeit in der Spitze ist auch die tatsächliche Kaderbreite ein wichtiges Kriterium. Hierfür zähle ich die Spieler, deren Marktwert mindestens 2% des Teamwerts beträgt. Für den FC Bayern ist ein Spieler mit einem Marktwert von 2-3 Millionen Euro eher ein Ergänzungsspieler (Bsp. Mai, 2,3 Mio., 0,3% des Team-Marktwertes). Für Fortuna Düsseldorf ist ein solcher Spieler wichtig (Bsp. Zanka, 2,4 Mio., 3,5% des Team-Marktwertes).

Stärken des Kriteriums: Ein reiner Blick auf die Anzahl der offiziell gemeldeten Spieler im Kader wäre wenig hilfreich, um die wirklich verfügbare Tiefe zu bewerten. Das Kriterium erlaubt den Blick auf Spieler mit einem für die Vereine spürbaren Marktwert.

Schwächen des Kriteriums: Einzelne sehr wertvolle Spieler (Bsp. Sancho) können den Teamwert sehr in die Höhe treiben.

Beispiel: Fortuna Düsseldorf liegt beim gesamten Marktwert zwar nur auf dem 16. Platz in der Liga, aber der geringe Marktwert ist auf viele Schultern verteilt: Fortuna hat alleine 13 Spieler mit einem zugeschriebenen Marktwert zwischen 2 und 5 Mio. € im Kader. Wenn Stöger ausfällt, ist Berisha zur Stelle. Vorne ist Hennings eine Alternative zu Karaman. Eine luxuriöse Situation für Trainer Rösler.

Bundesliga: Spieler mit einem Marktwert über 2% des Teamwertes

Ergebnis: Erneut thront Leipzig an der Spitze. Auch Düsseldorf, Mainz und Köln setzen auf ausgeglichene Kader. Frankfurt und Augsburg setzten eher auf stärker herausstechenden Einzelspieler (Kostic, Max).

3. Etablierte Rotation

Waffen im Kader zu haben, ist die eine Sache. Aber welcher Trainer setzt sie ein? Wie stark rotierten die Trainer bisher? Ich zähle die Anzahl der Spieler, die einen relevanten Beitrag zur Saison geleistet haben. Als Grenze dafür wähle ich mindestens 450 gespielte Minuten, also das Äquivalent von fünf Spielen.

Stärken des Kriteriums: Spieler die bisher vom Trainer nur wenige Minuten eingesetzt wurden, werden sich wahrscheinlich nicht als Stützen der Englischen Wochen erweisen.

Schwächen des Kriteriums: Der Cut ist erneut diskutierbar.

Beispiel: Beim 1. FC Köln schaffen die Winterneuzugänge Marc Uth (779 min) und Toni Leistner (540 min) den Cut – Spieler die definitiv zu den relevanten Spielern für Trainer Gisdol gehören. Talent Jan Thielmann (391 min) oder der oft verletzte Marcel Risse (183 min) qualifizieren sich jedoch nicht.

Bundesliga: Eingesetzte Spieler je Team (min 450 min)

Ergebnis: Eintracht Frankfurt und Fortuna Düsseldorf setzten bisher bereits auf die ganze Tiefe ihrer Kader. Der FC Bayern kommt trotz dreier Wettbewerbe im Kern mit 18 Spielern aus – bekanntlich eine bewusste Entscheidung. Union Berlin setzte bisher auf die wenigsten Spieler. Bisher schien diese Strategie aufzugehen, für die kommenden Wochen birgt sie Gefahren.

4. Erfahrung mit Englischen Wochen

Englische Wochen sind viel mehr als die rein körperliche Zusatzbelastung der Spieler. An- und Abreise, aktive Erholung und Regeneration, freie Tage (!), Trainingsbelastung hochfahren, Medienarbeit. Der Wochenfahrplan ist für die Teams streng durchgetaktet.
Allein auf analytische Ebene stehen für die Trainerteams vielfältige Aufgaben an, darunter:

  • Nachbereitung des letzten Spiels
  • Schwächen identifizieren
  • Videoanalyse des kommenden Gegners
  • Stärken und Schwächen identifizieren
  • Konzept für den Matchplan ausarbeiten
  • Trainingsformen planen, die dazu passen
  • Spieler auf den Gegner vorbereiten
  • Einzelgespräche

Das alles ist im Regelbetrieb perfekt synchronisiert und auf viele Schultern verteilt. Vereine die regelmäßig Samstag-Mittwoch-Samstag spielen, dürften ihre Prozesse an die kurzen Rhythmen angepasst haben.

Für Vereine ohne Englische Wochen ist dieser Regelbetrieb jedoch Samstag-Samstag, entsprechend sind die Prozesse auf einen 6-7-Tage-Rhythmus getaktet. Die Abläufe könnten in den kommenden Wochen darunter leiden.

Stärken des Kriteriums: Das Kriterium bietet eine Möglichkeit, die institutionelle Erfahrung mit dem Pensum der nächsten Wochen greifbar zu machen.

Schwächen des Kriteriums: Natürlich können auch Vereine ohne die entsprechende Erfahrung ihre Abläufe passend eingerichtet haben.

Beispiel: der FSV Mainz 05 hat in der laufenden Saison nur einmal unter der Woche gespielt. Auch Trainer Beierlorzer bringt keine zusätzliche Erfahrung in dieser Hinsicht mit. Gleichzeitig spielt Mainz eher reaktiv und pressingfokussiert. Gutes Pressing erfordert detaillierte Vorbereitung: Wie baut der Gegner auf? Welche Passwege muss ich zustellen? Von welcher Seite sollten wir den Innenverteidiger anlaufen?

Reicht den Mainzern die wenige Zeit in den kurzen Wochen, um sich akkurat auf die jeweiligen Gegner vorzubereiten?

Bundesliga: Anzahl Englischer Woche je Team seit August 2018

Ergebnis: Für Bayern und Dortmund sind Englische Wochen Standard. Aber seit 2018 hat tatsächlich kein Verein so oft unter der Woche gespielt wie die Eintracht. Europaliga und regelmäßige Spiele im DFB-Pokal machten es möglich. Die Eintracht dürfte entsprechend routiniert darin sein, den kommenden Aufgaben zu begegnen, auch wenn sie – einmal mehr – zwei Spiele mehr als die meisten Mitbewerber haben. Für Vereine wie Mainz und Freiburg hingegen dürfte die intensive Phase rein institutionell zu einer großen Herausforderung werden.

Gesamtwertung

Über die vier Kriterien hinweg ergibt sich ein Gesamtranking. Der Score ist der Mittelwert des Abschneidens im jeweiligen Kriterium.

Bundesliga: Bereitschaft für die Englischen Wochen – Gesamtranking

Einige auffällige Platzierungen:

  • RB Leipzig ist für den Endspurt am besten gerüstet. Vor allem der gut, breit und ausgeglichen besetzte Kader ist ein Plus.
  • Von allen Teams im Abstiegskampf sticht Eintracht Frankfurt positiv hervor. Ihre Erfahrung mit Doppelbelastung könnte zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren Konkurrenten werden.
  • Für Borussia Mönchengladbach darf nicht mehr viel schief laufen, wenn die die Champions League erreichen wollen. Ihnen könnte kurz vor Schluss die Kraft ausgehen.
  • Für Union Berlin und den FC Augsburg ist der Klassenerhalt alles andere als sicher. Die 6 Punkte Vorsprung auf Düsseldorf bzw. 6-9 Punkte Vorsprung auf Bremen könnten noch dahinschmelzen, jedenfalls haben diese beiden Clubs theoretisch bessere Möglichkeiten für den Endspurt.

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