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Werder Bremen: Abstieg oder neues Wunder an der Weser?

Platz 17, fünf Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz, sechs Punkte Rückstand auf Platz 15, der für den direkten Klassenerhalt reichen würde. Die Ausgangslage ist klar: Werder droht der direkte Abstieg.

Bundesliga: Aktuelle Vereinszugehörigkeit in Jahren

Der Abstieg würde eine lange und erfolgreiche Periode an der Weser beenden. Aktuell spielen die Grün-Weißen ihre 39. Bundesligasaison in Folge, nur Dortmund, Leverkusen und Bayern sind länger ohne Unterbrechung in der Liga.

Auf hohe Erwartungen vor der Saison…

Dabei war man an der Weser optimistisch in die Saison gestartet. Kohfeldt hatte das Team in der Saison 2018/19 zu 53 Punkten und Platz 8 in der Liga geführt, und vor allem die Rückrunde mit 31 Punkten weckte Erwartungen. Ganz leise träumte man von Europacupplätzen.

Zwar war klar, dass Max Kruses Abgang eine Lücke in die Offensive reißen würde (zuletzt 11 Tore und 10 Vorlagen in der Liga), aber man hoffte, Kruses Beitrag auf die Schultern der Neuzugänge Füllkrug, Selke und Bittencourt sowie der Talente Eggestein oder Sargent verteilen zu können. Auch Osako oder Klaasen hätten einen weiteren Schritt nach vorne machen können.

Es kam anders.

…folgt der tiefe Fall.

Die Tabelle lügt nicht, insofern sie entscheidend für die faktischen Konsequenzen ist: Meister, Champions League, Abstieg.

Die Tabelle lügt allerdings, teilweise dreist, wenn sie zur alleinigen Leistungsbewertung eines Teams herangezogen wird. Zu abhängig sind einzelne Fußballergebnisse von Zufällen. Zu kurz ist eine Saison von nur 34 Spieltagen, als dass sich Zufälle, Glück und Pech im Laufe einer Saison ausgleichen würden. (Wer ein Gefühl für die dahinter liegende Stochastik bekommen will: einfach 34 x eine Münze werfen und zählen, wie oft Kopf und Zahl fallen. Spoiler: Es wird sehr wahrscheinlich nicht 17-17 ausgehen.)

Ich schaue deshalb für die Bewertung mehr auf den Prozess als auf die Ergebnisse, wobei letztere ein Stück weit in die Bewertung einfließen.

WhoScored-Rating: Platz 18

Basierend auf von den von Opta erhoben Spieldaten bewertet Whoscored alle Spieler und Spiele vollautomatisiert. Zu Spielbeginn starten alle mit der “Note” 6,0. Von dort ausgehend bringt jede gelungene Aktion wie Dribblings oder ein erfolgreiches Tackling Pluspunkte, jede misslungene Aktion Minuspunkte.

Im Saisonschnitt der eigenen Performance erreicht der SV Werder Bremen ein Rating von durchschnittlich 6,52 und steht damit auf Platz 17 vor dem FC Augsburg. Der FC Bayern führt mit 7,16.

Im Saisonschnitt der Gegnerperformance liegt Werder mit 6,95 ebenfalls aus Rang 17. Nur Paderborn erlaubt es seinen Gegnern, noch etwas mehr zu glänzen. Auch hier liegt der FC Bayern an der Spitze, er erlaubt seinen Gegnern nur die Durchschnittsnote von 6,43.

Mit einem saldierten Rating von -0,43 (eigene Note minus zugelassene Gegnernote) steht Werder deutlich auf dem letzten Platz.

SV Werder Bremen 2019/20: Performance im Saisonverlauf

Lichtblick für die Norddeutschen: Zuletzt ist ein klarer Aufwärtstrend erkennbar.

Expected Goals: Platz 10

Jedes einzelne Tor ist ein Zufallsprodukt. In welchem Spiel der eine von 100 Sonntagsschüssen im Netz landet, wann der gegnerische Torhüter einen Sahnetag erwischt und titanisch hält oder wann er zwei harmlose Schüsse passieren lässt, das alles kann man nicht planen, das liegt nicht in der Kontrolle der Teams.

Was die Teams aber beeinflussen können, sind die Anzahl und Qualität der eigenen und erlaubten Chancen. Expected Goals sind eine gute und mittlerweile etablierte Metrik, um genau dies zu quantifizieren.

Bei den Expected Goal steht Werder relativ gut da. Entsprechend der Modelle von Statsbomb hätte Werder basierend auf ihren Chancen 32 Tore schießen “müssen” und 40 kassieren sollen. Tatsächlich aber nur 29 geschossene und 59 (!) kassierte Tore zeigen, dass Werder hier durchaus Pech hatte.

xG pro Spiel 2019/20SV WerderPlatz 1Platz 18
xG1,20 (Platz 13)2,45 (FCB)1,01 (F95)
xG conceded1,49 (Platz 10)1,00 (RBL)1,84 (SCF)
xG Delta-0,29 (Platz 10)1,39 (FCB)-0,71 (F95)
SV Werder Bremen 2019/20: Expected Goals im Ligavergleich

Auch bei den Expected Goals zeigt die Trendkurve nach oben.

SV Werder Bremen 2019/20: Expected Goals im Saisonverlauf

Ansteigende Form aber Fragezeichen bleiben

Sowohl die Expected Goals als auch die WhoScored-Bewertungen zeigen einen positiven Trend für die Werderaner. Also alles gut und die Rettung nur Formsache? So einfach ist es doch nicht.

Schaut man genauer hin, fällt auf, dass Bremen sich zwar stabilisiert hat, vor allem die eigenen xG aber weiterhin in einem sehr niedrigen Bereich liegen. Die nur 6 geschossenen Tore in der Rückrunde scheinen also kein Zufall oder Pech zu sein, sondern Ergebnis einer übervorsichtigen Spielweise:
Bremen liegt in der Rückrunde auf Rang 4 (!) bei den zugelassenen xG. Das ist defensiv durchaus beeindruckend. Diese Stabilität geht aber zu Lasten der Offensive: In der Rückrundentabelle bei erspielten xG liegt Bremen auf dem letzten Platz.

Hat Kohfeldt auf die vielen Gegentore Ende der Hinrunde (1:6 gegen Bayern, 0:5 gegen Mainz) überreagiert? Hat er in Formation und Taktik zu sehr auf die Defensive gesetzt und dadurch die torarme Rückrunde verantwortet?

Entwicklung trotz oder wegen Kohfeldt?

Bei der Diskussion um die Entwicklung der Bremer gerät Trainer Florian Kohfeldt immer stärker ins Blickfeld.

So kam das Expertenauditorium rund um den Fußballfachpodcast “drei90” zu einem eher negativen Urteil und nur 18% des Panels waren Stand 25. Mai noch davon überzeugt, dass Florian Kohfeldt ein guter Trainer sei.

Doch was sagen die Daten?

Ich habe die bisherige Trainerbilanz von Florian Kohfeldt analysiert und seine Punkte pro Spiel vs. Replacement berechnet.
Die Idee dahinter: Vergleicht man die Punkte pro Spiel von Pep Guardiola mit Markus Gisdol, wird es schwer für Gisdol. Liegt es daran, dass Pep der bessere Trainer ist oder daran, dass Pep bessere Teams zur Verfügung hat? Der Vergleich mit den direkten Vorgängern und Nachfolgern bei den jeweiligen Vereinen erlaubt hingegen eine bessere relative Beurteilung der Trainer.

Florian Kohfeldt: PPG bei Werder 2
Florian Kohfeldt: PPGG bei Werder

Kohfeldts bisherige Bilanz ist insgesamt trotz der enttäuschenden laufenden Saison positiv. Sowohl bei den Werder Amateuren als auch bei den Profis gelang es ihm, die Punkteausbeute im Vergleich zu seinen Vorgängern Wolter und Nouri bzw. Skripnik und Nouri anzuheben. Bei den Amateuren ging es nach dem Abgang Kohfeldts zu den Profis steil bergab.

Insgesamt ist es wahrscheinlich zu früh, um ihn robust zu bewerten. Seine Bilanz ist besser als die seiner jeweiligen Vorgänger und Nachfolger. Die aktuelle Saison inklusiver seiner Anpassungen wirft jedoch Fragen auf. Der Klassenerhalt wäre enorm wichtig für sein Renommee.

Prognose für den Endspurt

In den ausstehenden sieben Spielen könnten die Bremer theoretisch 21 Punkte sammeln. Das Restprogramm und der Spielplan scheinen ihnen in die Karten zu spielen. So fällt u.a. das Spiel gegen die Bayern auf den 32. Spieltag – ein Termin an dem es für die Münchner vielleicht schon um nichts mehr geht. Auch die Kölner könnten am 34. Spieltag gedanklich bereits im Sommerurlaub sein, wenn sie nur noch um die grauen Mittelfeldplätze spielen.

Vieles spricht für einen erfolgreichen Schlussspurt der Bremer. 14 Punkte wären für mich keine Überraschung. Ob es zum (direkten) Klassenerhalt reichen wird, hängt natürlich auch von den Abstiegskonkurrenten ab. Schlecht für Werder: Union Berlin, das aktuell das schlechteste Bild abgibt, ist immer noch neun Punkte vor Bremen, während Düsseldorf zwar nur fünf Punkte Vorsprung hat, sich zuletzt aber stark präsentiert.

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